
| Der verdrehte Blick | |
Jeder Mensch, so scheint es, hat eine eigene Blickweise auf die Dinge, die Welt, seine Umgebung, seinen Alltag. Künstlern und Künstlerinnen wird oft ein besonderer Blick unterstellt. Und natürlich manifestiert sich dieser Blick in ihren Arbeiten. Die Ausstellung „Der verdrehte Blick“ greift diese Vorstellung auf und stellt acht unterschiedliche (Künstler_innen-) Positionen zur Disposition. Eine künstlerische Arbeit kann auf mehreren Ebenen betrachtet werden. Zum Beispiel auf einer „technischen Ebene“ – wie wurde die Arbeit hergestellt, welches Medium wurde gewählt? Oder auf einer „inhaltlichen Ebene“ – wovon erzählt die Arbeit, was wird thematisiert? Die manchmal offen-sichtliche Ambivalenz oder auch Irritation der in der Ausstellung gezeigten Arbeiten basiert zumeist auf einer Spannung bzw. einer Nichtentsprechung dieser Ebenen. |
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Michael Hennig und Andreas Kotulla lassen mit ihren Betonskulpturen verschiedenste Materialien, Medien und Themen in eins fließen. Der Betrachter erkennt zunächst lediglich ein abstraktes recht-eckiges Gebilde aus Betonstäben und -flächen, die in unterschiedlicher Dichte angeordnet sind. Bei längerer Betrachtung und aus einer bestimmten Perspektive heraus entsteht jedoch eine Ahnung von dem hier Abgebildeten. Es ist jeweils eine wenig aufgelöste digitale Fotografie von einer Torte, die in die Dreidimensionalität der Skulptur gesetzt wurde. Was wird hier also gezeigt? Skulptur oder Fotografie? Oder ist es eine Skulptur, die Fotografie thematisiert? Oder geht es um Torten? Und warum Beton? |
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Stefano Urani zeigt Schmetterlinge. Genauer: Fotografien von einzelnen Schmetterlingen, die für eine naturhistorische Sammlung präpariert wurden. Präsentiert werden die Fotografien, ähnlich wie die echten Exemplare, in einem Rahmenkasten mit Glasabdeckung. Die einzelne Schmetterlings-fotografie ist dabei durch einen Abstandhalter leicht vom Hintergrund gelöst. Auch hier wird das Medium Fotografie thematisiert. Wird bei einer Fotografie oft nur das abgebildete Objekt rezipiert, erhält nun die Fotografie selbst den Objektstatus. Das Medium ist also nicht länger unsichtbarer Träger von Information sondern wird Teil der Information. Gleichzeitig werden zwei klassische Formen der Ausstellung gegeneinander gesetzt, bzw. vereint: die Kunstausstellung und die natur-historische Ausstellung. Mit dem Titel „Kann ich dir mal meine Schmetterlingssammlung zeigen?“ wird eine weitere inhaltliche Ausrichtung gesetzt. Ist doch die Schmetterlingssammlung in Italien ähnlich der Briefmarkensammlung in Deutschland. |
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Anja Mattenklott liefert mit ihren Zeichnungen, denen oft ein zugespitzter Kommentar oder eine kurze Situationsbeschreibung beigegeben ist, Umgebungsbeobachtungen. In einer Serie zur städt-ischen Vogelwelt beispielsweise erhalten die skizzenhaft festgehaltenen Tiere eine exponierte Position und werden somit zu Hauptakteuren im Großstadtdschungel. Ein feiner manchmal ironischer Humor begleitet die Arbeiten und so erfährt das mit nur wenigen Strichen gestaltete Zeichenblatt eine Aufwertung hin zu einem poetischen Ensemble, das nicht zuletzt zu eigenen Umgebungsbeobachtungen anregt. |
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Sandrine Martin hingegen füllt ihre Zeichenblätter mit dichten Strichen nahezu völlig aus. Die sich ergebenden mimetischen Figuren sind in der Lage, Situationen, Begegnungen, oft nur kurze Augenblicke und manchmal eine ganze Geschichte zu erzählen. Der Themenschwerpunkt der hier gezeigten Serie ist die zwischenmenschliche Beziehung, die Paar-Beziehung zwischen Frau und Mann. Dabei werden nicht offizielle Begegnungen sondern unterschwellige Gefühlswelten illustriert. Die Brechung findet hier also auf der inhaltlichen Ebene statt. Nicht Getanes und nicht Gesagtes kommt zum Ausdruck und lässt in die abgründigen Tiefen einer Liebesbeziehung blicken. |
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Jeff Mann zeigt eine interaktive Videoarbeit mit dem Titel „adult contemporary“. Dieser Begriff wird für die Klassifizierung im Musikhandel benutzt und verweist hier auf ein Celine Dion – Musikvideo. Das auf dem Bildschirm zu sehende Standbild kann jedoch nur durch Schütteln eines mit der Installation verbundenen Schellenkranzes in Bewegung gesetzt werden. Zum scheppernden Geräusch des Instruments gesellen sich dann die Töne des laufenden Musikvideos. So richtig in Gang kommt es jedoch nicht. Nach einigen dumpfen, an ein sich in Bewegung setzendes Tonbandgerät erinnernden Klängen verharren Bild und Ton wieder in Bewegungslosigkeit. Erneutes Schütteln des Kranzes wird nötig. Doch vielleicht möchte man lieber doch nicht mehr das bizarre Zusammenspiel der unterschiedlichen Geräuschquellen hören und der Blick verharrt auf dem wenig angenehmen Bild einer erstarrten Celine Dion. |
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Jana Rieckhoffs gestaltete Wände sind digital entworfen und später malerisch umgesetzt. Als „in situ“ Arbeit ist eine enge Kommunikation mit dem umgebenden Raum gegeben. Eine ihrer in der Ausstellung gezeigten Arbeiten ist in den Kellerräumlichkeiten zu sehen. Die Malerei erstreckt sich an einer der Wände des unwirtlichen Raumes. Abgebildet sind große, in greller Farbigkeit ausgeführt und ineinander verschachtelte geometrische Figuren. Kontraste und Brechungen sind hier auf mehreren Ebenen zu finden. Die grelle Farbigkeit und klare Ausführung der Malerei steht in Kontrast zu der schummrigen Dunkelheit und der Unebenheit der Wände des Kellerraumes. Der Betrachter meint einzelne Figurationen zu erkennen und ihnen somit einen Sinn zuschreiben zu können. Er wird jedoch wiederholt irritiert, da die jeweilige, meist nur angedeutete Perspektive keinem logischen Gesetz gehorcht. Zeichen und Inhalt müssen also neu verknüpft werden und so kann aus dem irritierenden Moment eine eigene Sinnzuschreibung entstehen. |
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Sabine Jamme bewegt sich mit ihrer Kunst in allen Medien. Inspiration findet sie in der alltäglichen, bzw. der sie umgebenden Bilderwelt. Oft greift sie Elemente daraus auf und verwandelt sie unter der offensiven Devise „I copy, I copy, I copy, ...“ in eigene Positionen. Damit legt sie ein Prinzip ihrer Kunstproduktion offen, das den immer noch vorherrschenden Originalitätsanspruch der Künste unterwandert. In der Ausstellung zeigt sie u.a. eine Fotoinstallation mit dem Titel „La Fin du Monde“. Eine kleine Fotografie, auf der ein nackter männlicher Unterleib abgebildet ist, wird von einem nicht ganz geöffneten Vorhang leicht verdeckt. Sowohl die Positionierung des Unterleibs als auch der Titel lässt an Gustave Courbets Gemälde „L’Origine du Monde“ denken. Hier gab es zu seiner Zeit, der Hochzeit des französischen Realismus, einen weiblichen Unterleib zu sehen. Jedoch, wie die Rezeptionsgeschichte erzählt, zunächst nicht öffentlich und die meiste Zeit hinter einem Vorhang verborgen. |
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Herwig Kemmerich, Bildhauer, Landart-Künstler, konzentriert sich mit seinen künstlerischen „Verdrehungen“ normalerweise auf den Außenraum, bzw. die Landschaft. Oft greift er Dinge oder Elemente der Zivilisation auf, um sie aus „Naturmaterialien“ wie Holz, Stein, Gras nachzubauen. Die Übersetzung in eine andere Materialität besitzt dabei ein hohes ästhetisches Moment. In dieser Ausstellung ist er mit einer Videoarbeit vertreten. Die dokumentarisch/ künstlerische Arbeit zeigt ein Wasserbassin auf dem ein kleines Holz-Gras-Gebilde treibt. Auf der rechteckigen Fläche, die senkrecht auf dem Bildschirm erscheint, bewegt sich dieses Floß langsam nach „oben“. Erst durch das nach einiger Zeit auffällige Schrumpfen des Floßes wird der Blick des Zuschauers irritiert und es wird versucht, eine andere, eine „richtige“ Perspektive zu erkennen. Und wer schon einmal von dem Trapezeffekt gehört hat, bzw. ihn visuell erfahren hat, für den wird einiges klarer. |
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Die Ausstellung „Der verdrehte Blick“ soll als Aufforderung verstanden werden, sich auf ungewöhn-liche Blick- oder Herangehensweisen einzulassen. Das im Titel der Ausstellung verwendete Adjektiv „verdreht“ spielt also nicht nur auf die Blickweise der Künstler und Künstlerinnen an, sondern ist auch als Einladung an die Besucher gedacht, ihr Auge zu drehen, zu schärfen und auch verwirrende Sinnzuschreibungen zuzulassen. Vielleicht werden neue Erfahrungen gemacht oder Möglichkeiten und Alternativen aufgezeigt, die den Betrachtern ein Handeln, ein Aktivwerden innerhalb vermeint-lich unverrückbarer äußerer Gegebenheiten möglich werden lassen.
Silke Bangert |